Kulinarischer Ostblock für Allergiker16 08 09

Wer kein Getreide verträgt, auf Milchprodukte verzichten muss und weitere andere Grundnahrungsmittel nicht mehr zu sich nehmen darf (u.a. Eier) hat’s nicht leicht. Aber muss er sich dann noch in einen Zug von Hannover nach Peking setzten?

Anfangs hatte ich einige Bedenken, ob man mit Lebensmittelallergien nach Russland, in die Mongolei oder nach China reisen sollte.
Über den ersten Teil der Reise kann ich jetzt berichten, in: „Extrawurst für Fabian.“

Wer sein Kleidervorrat klein hält hat in einem großen Rucksack noch viel Platz. Diesen füllte ich zu Beginn der Reise in Deutschland mit Reiswaffeln und Dosenwurst. Denn hier weiß ich noch am ehesten, was verarbeitet wurde. Überlebensration in Listwjanka

In der Ukraine wurde ich das erste mal mit dem Problem der Nahrungszunahme konfrontiert. Natürlich kann ich kein ukrainisch (und für später: auch kein russisch) und so aßen wir viel in Selbstbedienungsrestaurants. Reis- immer in der Hoffnung ohne Butter zubereitet zu sein, ging immer. Fleisch, egal ob als Steak, Spieß oder in Form eines Fisches: kein Problem, wenn auch hier die Finger von der Butter gelassen wurde.
Interessanter war es auf den Bahnsteigen. Hier gab es meist nur Teigwaren. Wenn es Obst gab wurden Vitamine gekauft.
Stachelbeeren vom Bahnsteig für ein paar wenige Cents

Mit der russischen Grenze das nächste Highlight. Wie soll man einem russischen Zöllner verklickern, dass diese 24 runden und weißen Pakete da im Rucksack Reiswaffeln sind?
Ich aß ihm vor :-)
Auf russischen Bahnsteigen die selbe Laier: Fast ausnahmslos gab es Teigprodukte oder Fleisch in Butter. Das fließend nur einsprachige russische Boardrestaurantpersonal konnte natürlich nicht helfen und da es im Zug von Moskau nach Wladiwostok nur eine russische Essenskarte gab, öffnete ich mir eifrig Reiswaffeln und Dosenwurst. Auf den Bahnsteigen kaufte ich Riesengurken, Tomaten, Kartoffeln (natürlich mit Dill), Flusskrebse und Tannenzapfen. Wer meint, dies sei doch eine passable Auswahl: ich saß vier Tage und vier Nächte in diesem Zug.
Essbares vom Bahnsteig

Schwieriger wird es für Leute mit einer Dillintoleranz. Dill scheint Hauptbestandteil (wie all zu oft in Deutschland Laktose oder Weizenstärke) der russischen Küche zu sein. Ein Essen komplett ohne Dill gab es nicht.
Schwierig ist auch der Umgang mit Vodka. Findet sich selbst in Deutschland keine Deklaration der Zutaten auf der Vodkaflasche, kann man von Lückenhaften bis überhaupt keiner Zutatenliste ausgehen. Dies gilt aber im Allgemeinen für alle Lebensmittel. So habe ich in über 14 Tagen Russland das Wort für Laktose nicht herausfinden können, übersetzt- Buchstabe für Buchstabe war es leicht.
Zurück zum Vodka. Hier galt: probieren geht über studieren. So testete ich immer ein wenig. Schien das „Wässerchen“ aus Weizen oder Roggen (zu über 90% bei in Deutschland verkauftem Vodka) zu sein, zogen sich die Atemwege zu. Dann ist es besser den Einheimischen zu sagen, dass man aus religiösen Gründen nicht trinkt. Es gibt keine Nachfragen. Ansonsten kann man genötigt werden. Was letztlich bei richtig russischem Kartoffelvodka dann auch kein Problem ist.

Mit der Zeit fing ich an mir eine Allergikerbibel auf russisch anzulegen. Immer wenn jemand etwas übersetzen konnte, erweiterte ich den Schmierzettel.
Prima lief es dann in Restaurants. Wenn der Kellner nicht direkt beim Durchlesen am Tisch in einem Lachkrampf endete, tat dies vermutlich der Koch in der Küche. Ich glaube fast, dass es eine Beleidigung ist einem russischen Koch eine solche „no go“ Liste vorzulegen.
Allergikerbibel

Leider konnte ich viele landestypische Gerichte nicht probieren, komme aber dank einer kulinarischen St. Petersburg Reise vor einigen Jahren hinüber weg.

Ich muss mit großem Erstaunen feststellen, dass es nicht einmal zu plötzlichem Durchfall oder Atemnotattacken kam.
Hut ab und großes Lob für viele dieser Challenges in deutsch-russischer Zeichensprache in alle der besuchten russischen Küchen, egal ob Ökotourismus auf Olchon, Touristenrestaurants in Listwjanka und Moskau, kleinen Cafés oder beim vier Gänge Business binnen 20 Minuten in Irkutsk.

Wer Fragen und-/oder weiter Erfahrungen hat, darf sich gerne melden.
Lebensmittelallergien sind kein Hindernis für eine Russlandreise.

Mehr über vergorene Stutenmilch und Ziegenbrei in der Mongolei, oder frittierte Hunde in China folgen.

von Fabian Groher verzapft

 

 

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